Der Korrumpierten Manifest

Quarl Quarx

Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst der Korruption. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Vatikan und die europäische Kommission, Chirac und Berlusconi, pfälzische Christdemokraten und kölsche Sozialdemokraten.

Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als korrumpiert verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf der Korruption nicht zurückgeschleudert hätte?

Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor.

Die Korruption wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt.

Es ist hohe Zeit, daß die Korrupten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst der Korruption ein Manifest der Parteiischen selbst entgegenstellen. Zu diesem Zweck haben sich Korrumpierte der verschiedensten Interessensgruppen in London versammelt und das folgende Manifest entworfen, das in englischer, französischer, deutscher, italienischer, flämischer und dänischer Sprache veröffentlicht wird.

I. Kinder und Störche

Die Probleme unserer Gesellschaft sind die Probleme einer alternden Gesellschaft.

Störche und Kinder, Postauto und Paket, kurz, Überbringer und Mitbringsel standen in stetem Zusammenhang, ein Zusammenhang, der schon jedem kleinen Kind bekannt ist. Der wissenden Klasse ist es jedoch gelungen, diesen unmittelbaren Zusammenhang zu verschleiern. So erkennen nur Wenige, daß der unausweichlichen Kollaps des Rentensystems, die Probleme der Pflegeversicherung und der Rückgang der Steuereinnahmen eng mit dem Rückgang der Storchenpopulation verknüpft ist. Jahr für Jahr wagen immer weniger Störche den beschwerlichen Weg von Afrika in die Festung Europa. Die Folgen sind unübersehbar: hier dramatischer Geburtenrückgang, dort explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Daß Kinderreichtum nicht nur die Rentenkassen zukünftig entlastet, sondern auch eine bedeutende wirtschaftliche Ressource sein können, hat schon der irische Utopist und Sozialökonom Jonathan Swift im Jahre 1729 erkannt. Die Erhöhung der Storchenzahl und Steigerung der Geburtenrate sind daher gleich unvermeidlich.

II. Störche und Frösche

Welches sind die für Störche ausschlaggebenden Standortfaktoren überhaupt?

Spätestens seit Brehms Tierleben wissen wir, daß der Störche liebste Speise ein fetter, grüner Frosch ist. Diese Tatsache ist so offensichtlich, daß selbst unsere schärfsten Gegner sie nicht leugnen können. Um die dringend benötigten Störche nach Europa zu locken, muß der Vermehrung der Frösche höchste Priorität gewährt werden. So führt die freie Entwicklung eines jeden Frosches indirekt zur freien Entwicklung aller.

III. Frösche und Sumpfgebiete

Eine signifikante Steigerung der Froschanzahl erreicht man weder durch die Anlage eines ökologischen Gartenteichs, noch dadurch, daß man einen prominenten Frosch an die Spitze der deutschen Charts katapultiert. Richtig gut gedeihen Frösche nur in großen Sumpfgebieten, und den größten Sumpf gibt es bekanntlich in der Politik. Daß unüberlegtes Trockenlegen von Korruptionssümpfen sich unmittelbar auf die Geburtenrate auswirkt, wird vielleicht am Beispiel der Wende in der ehemaligen DDR am deutlichsten. Die Beseitigung der Parteibonzen führte zu einem dramatischen Rückgang der Geburtenrate, da der Aufbau demokratisch legitimierter Seilschaften nicht sofort das gleiche Ausmaß an moralischem Sumpf erreichen konnte. Überhaupt scheint es in Deutschland einen besonderen Zwang zur Trockenlegung zu geben (ein weiteres problematisches Erbe Preußens in Form von märkischem Sand), erinnert sei da nur an die Untersuchungsausschüsse der letzten Jahre. Auch in den anderen großen europäischen Ländern lassen sich sinkende Geburtenraten ähnlich erklären. In dem als kinderfreundlich geltenden Italien zum Beispiel (in Frankreich sind die Dinge etwas verwickelter, da es neben moralischen auch kulinarische Gründe gibt) steht die niedrige Geburtenrate mit dem unerbittlichen Kampf des Ministerpräsidenten Berlusconi gegen die Korruption in engem Zusammenhang. Mit immer neuen Gesetzen wird den Fröschen zunehmend die Lebensgrundlage entzogen, so daß es schon vereinzelt internationale Proteste dagegen gegeben hat.

IV. Stellungen und Aufgaben der Korrupten

Die Beispiele dieses politischen Handelns, das auf der falschen Ideologie der moralischen und politischen Integrität basiert, sind ungezählt. Der vielleicht verhängnisvollste Schritt war der Rücktritt der gesammten europäischen Komission im Jahre 1999. Hier drohte deshalb einer der größten Sümpfe Europas auszutrocknen. Da jedoch diese unnatürliche Korruptionsbekämpfung die Erhaltung der Art gefährden würde, ist die Annahme von Vorteilen und persönliche Bereicherung eine historische Notwendigkeit. Das Versinken im moralischen Sumpf ist daher für jeden Politiker oberste Pflicht, da er nur so das Ziel der kinderlosen Gesellschaft vermeiden kann.

Die Korrupten verstehen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch die gemeinsamen Anstrengung aller gesellschaftlichen Kräfte. Mögen die steuerzahlenden Massen vor einer allgegenwärtigen Korruption zittern. Die Politiker haben nichts zu verlieren als ihren Ruf. Sie haben einiges an Geld zu verdienen.

Politiker aller Länder, bereichert euch!

Der Bundesfinanzminister entwarnt: Erhöhung der Tabaksteuer führt jetzt doch zu Mehreinnahmen!

Frosch

Drei Wochen war der Frosch so blank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!

Frei nach HB (Herrn Busch). (© gk)

Veröffentlicht in:

HängeMathe Nr. 22

Juli 2003

Entstehungsdatum

Mai 2003

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