Survival-Training

Tips zum Überleben in kritischen und lebensbedrohlichen Situationen vom berühmten Bergsteiger und Bestsellerautor Reinhalt Messner.

Liebe Leser, in der dreizehnten Folge des Survival-Trainings möchte ich Ihnen wieder hilfreiche Tips geben, wie Sie sich in extremen Situationen verhalten sollten. Im Laufe meiner vielen gefahrvollen Reisen und Bergbesteigungen habe ich unzählige Situationen erlebt, in denen die Entscheidung über Leben und Tod am seidenen Faden hing. Ohne Routine und entsprechende Ausrüstung hätte ich viele dieser Situationen nicht überlebt.

Auch der heutige Tip ist enorm wichtig, hätte doch dadurch meinem Freund Karl Acker das Leben gerettet werden können. Wir machten beide eine Tour durch die USA und kletterten gerade am World-Trade-Center hoch, als mein Freund ein dringendes Geschäft erledigen mußte. Ich kletterte in der Zwischenzeit einige Stockwerke weiter. Als er jedoch nach sechs Stunden immer noch nicht zurück war, da wurde ich langsam unruhig, denn bei Ihm hatte es noch nie so lange gedauert. Ich stieg also wieder ein Stück hinab und begab mich zu den Toiletten. Dort mußte ich eine grausige Entdeckung machen: mein Freund K. Acker lag tot in der Toilette, jede Hilfe kam zu spät. Anhand der Spuren und des Zustandes, in dem ich ihn gefunden hatte, konnte die Polizei die Umstände seines Todes rekonstruieren.

Demnach muß K. Acker kurz bevor er mit seinem Geschäft fertig war, entdeckt haben, daß kein Toilettenpapier mehr vorhanden war. Als guter Bergsteiger versuchte er sofort in die Nachbartoilette zu steigen, in der Hoffnung, das ersehnte Papier dort zu finden. Dabei muß er, während er mit beiden Beinen auf der Kloschüssel stand, allem Anschein nach mit einem Bein in die Kloschüssel gerutscht sein (wahrscheinlich weil er die Hosen noch unten hatte und so leicht gehandikapt war). Auf jeden Fall steckte noch sein Bergsteigerschuh in der Toilette. Nachdem er vergeblich versucht hatte, diesen herauszuholen, versuchte er wohl nochmals auf die Kloschüssel zu steigen, glitt aber wiederum aus und fiel mit dem Kopf vornüber in die Kloschüssel. Wie die braunen Streifen an der Wand beweisen, hat er verzweifelt versucht, sich mit den Händen festzuhalten, wobei er aus Versehen auch noch das Wasser abzog, aber leider erwies sich das an seinen Händen klebende Material als zu glitschig. Durch den heftigen Aufprall seines Körpers fiel ihm auch noch der Klodeckel auf den Kopf, was ihm kurzzeitig die Besinnung nahm. Da der Schuh immer noch im Abfuß klemmte, konnte das Wasser nicht abfließen, so daß K. Acker jämmerlich ertrinken mußte.

Wenn Sie, lieber Leser, gerade auf der Toilette sitzen, so haben Sie soeben bestimmt hastig zum Klopapier geschaut. Natürlich ist welches da, in mehr als 90 % der Toilettenbesuche ist das der Fall. Was ist aber, wenn nun die anderen 10 % eingetreten sind - sehen Sie schon vor Ihrem geistigen Auge Ihre Verwandten an Ihrem Grabe stehen, trauernd und gleichzeitig peinlich berührt von dieser unüblichen Art, das Zeitliche zu segnen? Doch jetzt ist keine Zeit, um in Panik zu geraten. In Ihrer Situation muß mit kühlem Kopf überlegt und mit entschlossener Kaltblütigkeit gehandelt werden. Denn anders als bei K. Acker ist Ihre Lage durchaus nicht ausweglos. Sie verfügen nämlich, ohne sich dessen bewußt zu sein, über die nötige Ausrüstung: nämlich über eine Abi-Zeitung - ja, genau die, die sie gerade in Ihren zitternden Händen halten. Jetzt bewahrheitet sich der Spruch meines alten Pastors: "Wer gibt, dem wird der Herr es tausendfach zurückgeben". Was sind die 5 DM, die Sie für diese Zeitung gezahlt haben im Vergleich zu Ihrem kostbaren Leben?

Noch sind sie nicht ganz außer Gefahr, deshalb müssen Sie die folgenden Ratschläge konsequent und penibel befolgen. Zuerst wählen Sie eine entsprechende Seite aus und trennen sie aus der Abi-Zeitung heraus. Welche Seite das nun ist, hängt allein von Ihren Typ ab. Der Ordentliche nimmt meistens die erste Seite, während der Choleriker die erst beste herausreißt. Intellektuelle Typen bevorzugen meist weniger wichtige Beiträge, wie z. B. Werbung oder Fotos, Pragmatiker hingegen meiden die Seiten mit Fotos, weil diese die meiste Druckerschwärze aufweisen und demnach auch die meisten Spuren hinterlassen. Als Zweites müssen Sie nun das Blatt zerknüllen, wie lange und wie intensiv Sie dieses machen hängt wiederum von der Empfindlichkeit ihres Allerwertesten ab; wenn Sie ein ganz Hartgesottener sind, empfehle ich den Umschlag - er läßt sich am besten abwaschen und besticht durch besondere Reißfestigkeit. Hakle-Feucht Benutzer können durch Auftragen von etwas Spucke den gleichen Effekt wie sonst erzielen (Speichel hat außerdem noch eine desinfizierende Wirkung). Der dritte Schritt ist optional und besteht im wesentlichen nur darin, das Papier durch Falten oder Reißen auf die gewünschte Größe zu bringen. In der Praxis hat sich die Größe handelsüblichen Toilletenpapiers bewährt, ein Quadratzentimeter sollte keinesfalls unterschritten werden. Die nachfolgende Prozedur dürfte jedem von Kindesbeinen an bekannt sein und wird hier nicht näher erläutert. Bei größerem Papierbedarf sind die Schritte eins bis drei zu wiederholen. Experimentieren Sie dabei ruhig mit Beiträgen verschiedener Art, variieren sie auch Größe und den Grad der Zerknüllung - so kriegen Sie am ehesten ein Gefühl dafür, was für Sie am besten ist. Werfen sie das benutzte Papier bitte nicht weg, breiten Sie es vielmehr fein säuberlich neben der Toilette aus, so hat derjenige, der nach Ihnen kommt, etwas zu lesen, falls er sich langweilen sollte. Denken Sie daran, daß Ihr Nachfolger in die gleiche Situation geraten kann wie Sie. Es ist Ihre moralische Pflicht und ein Gebot der Nächstenliebe, ihrem Nachfolger ein weiteres, unbenutztes Blatt zur Verfügung zu stellen (am besten dieses hier, so hat er auch gleich die Bedienungsanleitung). Sollten Sie jedoch zu jenen edlen Menschen gehören, deren Opferbereitschaft schon fast an ein Martyrium grenzt, so lassen Sie bitte die ganze Abi-Zeitung da und nehmen Sie sich nur ein oder zwei Seiten für etwaigen Eigenbedarf - kommende Generationen werden es ihnen danken.

Ich hoffe, Sie haben die Bedeutung meines Ratschlages erkannt und werden in Zukunft nie mehr eine Toilette ohne Abi-Zeitung betreten. Um welche Zeitung es sich handelt, ist im Prinzip egal, unter Experten erfreut sich vor allem der 96er Jahrgang großer Beliebtheit, nicht nur wegen der exzellenten Beiträge, vor allem auch weil aufgrund der geringen Größe der Stufe weniger Fotos drin sind und somit der Reinigungseffekt am wenigsten beeinträchtigt wird.

Servus,
Euer Reinhalt Messner

Veröffentlicht in:

Abi-Zeitung DBG Wiehl

Mai 1996

Entstehungsdatum

Januar 1996

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