Naturwissenschaftliche Erkenntnisse im Volkslied

SFB Interdisziplinarität in den Wissenschaften

Kaum Neues ist erklungen,
was nicht schon mal gesungen!

(altes keltisches Sprichwort)

Das erst kürzlich zu Ende gegangene 20. Jahrhundert wird nicht zu Unrecht als das Jahrhundert der Naturwissenschaften bezeichnet, gibt es doch wahrlich keine vergleichbare Epoche, in der in so kurzer Zeitspanne das Weltbild durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse grundlegend verändert wurde.

Voll Staunen darüber dürfen wir jedoch nicht in unkritische Verklärung dieser großen Männer und Frauen der Wissenschaft verfallen. Waren denn wirklich so viele der Erkenntnisse grundlegend neu - oder waren sie nur eine Wiederentdeckung oder gar nur Fortschreibung bereits Bekanntem. Und wenn es so wäre, schmälert es doch keineswegs den Wert der Arbeit und den Ruhm der (Wieder)Entdecker - auch wenn der Quell ihrer Inspiration profaner als der magische Götterfunke war. Wie einst das Wissen um die Kugelgestalt der Erde zwar nicht verlorengegangen, aber doch weitgehend verdrängt wurde, sind mehrfach Erkenntnisse unserem Bewußtsein entschwunden. Es sind nicht nur die schriftlichen Zeugnisse, die von diesem Wissen verkünden, auch in der sogenannten Volkskultur, den Mythen, Märchen und Liedern, lassen sich deutliche Spuren verlorengeglaubten Wissens finden. So ist auch die Relativitätstheorie keineswegs so revolutionär und neu, wie sie den Menschen am Anfang des 20. Jahrhunderts erschien.

Es mag frühere Spuren gegeben haben, die die Forschung noch zu finden hat, den ältesten und deutlichsten Hinweis dafür, daß die Relativitätstheorie auch früheren Generationen bekannt war, finden wir in dem Kinderlied "Ich geh mit meiner Laterne". Gleich im ersten Vers wird schon der erste Hauptsatz der Relativitätstheorie vorweggenommen: "Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir!" Hier wird nicht nur die Relativität des Beobachters postuliert, vielmehr ist auch der Agens relativ: es kann gleichermaßen auch die Laterne der Ausführende sein. Nun steht der Hauptsatz nur als Gleichnis da, aber um wieviel näher ist es der korrekten mathematisch-physikalischen Formulierung als die in den Feuilletons als Quintessenz der Relativitätstheorie zitierte Banalität "alles ist relativ". Die Wahl des Gleichnisses ist keinesfalls zufällig - für den rein philosophischen Gehalt hätte auch der Schubkarren die Funktion der Laterne übernehmen können. Die Tatsache, daß ein so unpoetischer Begriff wie Laterne verwendet wird, belegt eindeutig, daß es sich nicht nur um eine philosophische Erkenntnis, sondern um ein durch optische Experimente (war es nicht auch die experimentell festgestellte Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, die zur modernen Relativitätstheorie führte) gefundenes Naturgesetz handelt . Dies wird sofort in dem zweiten Vers deutlich: "da oben leuchten die Sterne und unten, da leuchten wir" - wie einst Newton erkannte, daß die gleiche Kraft Gestirne bewegt und Äpfel fallen läßt, so wird auch hier behauptet, daß die mittels Laternenexperimenten entdeckten Gesetzmäßigkeiten universeller Natur sind. Neben der physikalischen Aussage ist dieses selbstbewußte "und unten, da leuchten wir" gleichzeitig Ausdruck der Emanzipation des Menschen von dem Himmlischen und somit deutliches Indiz, daß das Lied frühestens im Zeitalter des Humanismus entstanden sein kann.

Wie konnte aber eine so wichtige, im 16. Jahrhundert bekannte Erkenntnis 300 Jahre später schon in Vergessenheit geraten sein? Auch darauf gibt uns das Lied eine Antwort. Die heiter-beschwingte, optimistische Melodie des ersten Teils läßt vermuten, daß er noch auf den Barrikaden der Weltanschauungs-Revolution entstanden ist, der zweite Teil des Liedes mit seinen düster-melancholischen Motiven stammt eindeutig aus der Zeit der Reaktion: "mein Licht ist aus, wir gehn nach Haus". Die Wertung dieser Passage ist unter Experten noch umstritten. Vor allem früher wurde diese Aussage so interpretiert, daß mangels weiterer erfolgreicher Experimente ("mein Licht ist aus") die Theorie, weil nur teilweise verstanden, nicht weiter verfolgt wurde. Weshalb diese Experimente scheiterten, hat aber bis heute noch niemand schlüssig dargelegt. Deshalb vertritt die Mehrheit der Experten ein erweitertes Erklärungsmuster: die neuentdeckte, allem bisher Bekanntem widersprechende Theorie stellte das gesamte Wissen, das "Licht", in Frage - und so zogen es die Menschen vor, die neue Theorie zu verwerfen und sich auf das bisher Bekannte, empirisch Erfahrbare zurückzuziehen ("ich geh nach Haus").

Es stellt sich natürlich die Frage, weshalb die damaligen Gelehrten die Theorie so vehement verdrängten und nicht durch weiteren Erkenntnisgewinn versuchten, die Widersprüche dieser Theorie zu überwinden. Es war nicht mangelnder Forscherdrang, der letzte Vers gibt uns unter diesen Prämissen eine eindeutige Antwort, es war die alarmierende Angst vor dem Chaos, dem Chaos in den Köpfen der Menschen, die Angst vor dem Zerfall der gottgegebenen Ordnung, die Angst vor dem Untergang der Welt: "rabimmel, rabammel, rabumm!"

Nächste Woche lesen Sie einen Aufsatz über den Einfluß der modernen Physik in der Unterhaltungsmusik, dargestellt am Schlager "Quanta namera"

Veröffentlicht in:

HängeMathe Nr. 20

Juli 2002

Entstehungsdatum

Mai 2002

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