Splitter von der Medienfront

Weil das Pentagon ausreichenden Nachschub an Papier und Tinte nicht garantieren konnte, haben wir darauf verzichtet, unseren Korespondenten Ratnug Svark in die vormarschierenden Einheiten einzubetten. Um Ihnen trotzdem so aktuell und nah wie möglich vom Krieg berichten zu können, haben wir ihn an die Medienfront beordert. In Sichtweite des Fernsehers, aus der Luft vom Radio unterstützt und die Aufklärung des Internet nutzend, kämpft er seit Tagen heldenhaft gegen die hirnverbrennende Kathodenstrahlung der Fernseröhre und die Hinterhalte des Kolateralvokabulars. Lesen Sie hier die neuesten Meldungen, deren Wahrheitsgehalt wir aber leider noch nicht endgültig bestätigen können.

Nachdem schon zwei Basislager der USA in Kuwait die Namen Shell und Exxon tragen, werden nun die Coalition Forces in Oilition Forces umbenannt.

Jetzt verkleiden sich irakische Soldaten auch als Frauen und Kinder. Die berüchtigten Republikanischen Garden scheuen nicht davor zurück, sogar als Säuglinge aufzutreten.

Jaques (Fuck) Chirac kann's nicht lassen. Nachdem er bereits 1995 mit seinen Atomtests zum Volkshelden wurde, hat er diesmal ein Veto getestet. Amerikanische Pazifisten und Umweltschützer rufen deshalb zum Boykott französischer Produkte auf. Frankreich fordert im Gegenzug die Freiheitsstatue zurück.

Der deutsche Philologenkongress hat einen behutsameren Umgang mit der Sprache angemahnt. Als Beispiel wurde der allzu sorglose Gebrauch der Vorsilbe "Un" angeprangert. So habe zwar das Wort "Unglück" eine ähnliche Bedeutung wie "kein Glück", ein "UN-Mandat" sei hingegen genau das Gegenteil von "kein Mandat". Für die Opfer dieses Krieges macht das aber keinen Unterschied.

Millionen Schulbücher müssen erneuert werden. Sie vertreten nämlich die Ansicht, die Erde sei eine Kugel. Dies kann man laut Bundesregierung nicht einfach so behaupten, schließlich gibt es auch andere Meinungen dazu.

Der irakische Informationsminister Sahhaf hat das "Lexikon der beliebtesten Beschimpfungen" veröffentlicht. Anläßlich der Leipziger Buchmesse liest er täglich zur Mittagszeit aus seinem Werk. Die Lesung wird von allen Nachrichtensendern live übertragen. Das Buch ist auch im Paket mit einem zwei Quadratmeter großen weißen Laken und einer regenbogenfarbenen Fahne erhältlich.

Zur Zeit wird häufig die Frage gestellt, weshalb viele Menschen gegen Bush und nicht gegen Saddam protestieren. Die Antwort ist einfach: bei Bush hat man noch die Hoffnung, daß er mit friedlichen Mitteln aus seinem Amt entfernt werden kann.

Mit den heutigen intelligenten Bomben wird die Kriegsführung zu einer chirurgischen Operation. So wird bei einem Treffer nicht mehr der ganze Iraker zerfetzt, sondern nur der Teil des Gehirn weggeblasen, in dem das Böse sitzt. Wie Sie sehen, trifft die These "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer" auf die irakische Bevölkerung nicht zu.

Es wird gemeldet, daß sich die Coalition Forces weitere Ölquellen gesichert haben. Immer wieder wird betont, daß diese Ölquellen dem irakischen Volk gehören. Deshalb müssen die Iraker davon befreit werden.

Größter Skandal seit Milli Vanilli. Nach der heftigen Kritik der letzten Tage an der Strategie des Irak-Feldzuges mußte der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld einräumen, daß dieser brilliante Plan gar nicht von ihm sei, sondern von seinen Generälen entworfen wurde.

Gegen erbitterten Widerstand der Labour-Partei wurde auf dem letzten Kongress der sozialdemokratischen Parteien Europas die "Internationale" um folgende Strophe ergänzt:

"Völker hört die Signale
auf zum nächsten Gefecht.
Der Unilaterale
verletzt das Völkerrecht"

Erklärung für die zurückhaltende Aufnahme der amerikanischen und britischen Streitkräfte seitens der irakischen Bevölkerung gefunden: die irakische Bevölkerung würde die Befreier jubelnd empfangen, wenn diese sie dazu zwingen würden.

Systematisches Vorgehen: Nach dem Irak werden demnächst Iral, Iram und Iran befreit. Nur Irao muß Syrien den Vortritt lassen.

Geiselnahme in Gladbeck. Geiselnehmer nicht verhandlungsbereit. Um ihn zur Aufgabe zu zwingen, hat die Polizei mit der Erschießung von Geiseln begonnen.

Deutsche Schüler landen beim internationalen Lesetest auf einem guten elften Platz. Zur Belohnung dürfen sie jetzt solange gegen den Krieg demonstrieren, wie sie wollen.

Humoroffensive unseres Korespondenten Ratnug Svark kommt trotz angeblicher Witzfunde nicht mehr voran. Bericht der UN-Humorinspektoren, der den Besitz von Humor verneint, scheint sich zu bestätigen.

Unveröffentlicht

Entstehungsdatum

April 2003

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