Busfahrer

Was unterscheidet einen Schüler des DBG, der in Wiehl wohnt, von einem, der außerhalb Wiehls wohnt? Nun, der Schüler aus Wiehl ist entscheidend im Nachteil: er hat nur ein Feindbild, nämlich den Lehrer. Diese Eindimensionalität bleibt dem Schüler von außerhalb erspart. Während der Wiehler Schüler noch im Bett liegt, ist der andere schon längst auf den Beinen, denn auf ihn wartet eine Begegnung der besonderen Art: die Begegnung mit dem Busfahrer, eines der letzten Abenteuer dieser Welt.

Was ist denn da Besonderes dran, wird jetzt der geneigte Leser aus Wiehl denken, ein Busfahrer - na und? Also werden wir, um ihm die Sache etwas verständlicher zu machen, erstmals ein Psycho-Soziogramm des Busfahrers erstellen.

Ein Busfahrer, von Schülern liebevoll auch als Arschloch oder Idiot bezeichnet, ist meistens ein menschliches Wesen, manchmal auch weiblich (inoffizielle Bezeichnung "Tussi"). Untersuchungen haben gezeigt, daß man in der Regel einen gewissen IQ-Wert unterschreiten muß, um überhaupt als Busfahrer eingestellt zu werden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aus Rücksicht auf die Bescheidenheit vieler Busfahrer - wir wollen sie ja nicht in Verlegenheit bringen - können wir diesen Wert nicht genau angeben, (um soviel zu verraten, er liegt irgendwo zwischen dem zwei- und einstelligen Bereich).

Solange der Busfahrer nicht im Dienst ist, legt er ein unauffälliges Verhalten zutage, und ist von normalen Mitbürgern nicht zu unterscheiden. Sitzt er jedoch einmal im Bus, so zeigt er sein wahres Gesicht. Hier ist er unumschränkter Herrscher, nur seiner Gnade ist es überlassen, wer rein darf und vor allem, wie der Betreffende (bzw. der Betroffene) rein darf: mal souverän durch eine der beiden weit geöffneten Türen, meistens jedoch als Hackfleisch verarbeitet durch die einzige, halb geöffnete Tür. Glücklicherweise kann der Betroffene in dieser Situation mit dem entgegenkommenden Verhalten seiner aussteigewilligen Mitbürger sowie dem festen Rückhalt der einsteigefreudigen Schüler rechnen.

Jetzt kommt es zur direkten Begegnung von Schüler und Busfahrer. Hier kann der zu Erziehende ein Musterbeispiel an Höflichkeit und gleichzeitig einfacher, rauher Herzlichkeit erfahren. Wieviel Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft spricht aus des Busfahrers Worten : "Pass op, Junge, ich helf dir gleich!". Doch trotz dieser Herzlichkeit, Strenge muß sein. Wer sein Monatsmärkchen nicht ordnungsgemäß bereithält, muß sich schnell 2 Mark leihen, oder er kann es beim nächsten Busfahrer versuchen. Der Busfahrer ist unbestechlich, nicht mal Kindertränen können ihn erweichen. So steht nun ein Fünftklässler ratlos da, mit der Anordnung, den Aufkleber von der Rückseite der Busfahrkarte unverzüglich zu entfernen und ihn statt dessen lieber auf seinen Nachttopf zu kleben, und weiß weder, wie er sein heißgeliebtes Pop-Idol ohne Beschädigung entfernen soll, noch woher er einen Nachttopf nehmen könnte. In dieser ausweglosen Situation kommt die rettende Hand des Busfahrers, die ihn sanft, aber bestimmt ins Businnere befördert. Überwältigt von soviel Hilfsbereitschaft und der Freude seiner Mitschüler, die dieser Freude durch Lachen Ausdruck geben, bleibt der Betroffene erstmals stehen. Doch gleich kommt der freundschaftliche Rat des Busfahrers, er möge "durchrücken", verbunden mit dem Angebot, im Notfall nachzuhelfen.

Nicht nur seine soziale Kompetenz ist außergewöhnlich, auch seine Fahrkünste müssen den Vergleich mit denen eines Michael Schumacher nicht scheuen, durch geschickte Beschleunigungs- und Abbremsmanöver bereitet er den Schülern des öfteren das Erlebnis einer unvergeßlichen Achterbahnfahrt. Dabei pflegt er einen intensiven Kontakt mit den Bordsteinkanten und sichert sich so die Freundschaft und das Wohlwollen namhafter Reifenhersteller. Das häufige Abwürgen des Motors geschieht jedoch keinesfalls zufällig, ganz im Gegenteil, es ist psychologisch sehr wertvoll, gibt es doch jedem Führerscheinanwärter das Gefühl der Selbstbestätigung, indem ihm vermittelt wird: "Du bist nicht der Einzige".

Gar nicht so selbstverständlich sind die Qualitäten eines Entertainers, die der Busfahrer von Natur aus besitzt. Sei es sein erlesener Musikgeschmack, an dem er die Schüler mittels Rundfunk teilhaben läßt und somit sicherstellt, daß die Fans von Heino nie aussterben werden, sei es sein Sprachwitz, seine Wortgewandtheit, seine Bonmots, die durch seine High-End Sprechanlage tönen, oder auch nur seine abwechslungsreichen Dialoge mit seinen Kollegen ("319 bitte kommen ...schhhhhh...tilitilit... düüüü" - "schschsch hier 312, wat is.." - "düü-düüü 319!!" - "ja, hier,....tilit..schhhhh 302") - wie oft wecken sie den Schüler aus seiner Trübsal auf. Wenn dann noch die Stimmchen unserer Fünftklässler sich erheben, dann gibt das zusammen solch himmlische Klänge, daß man sich innigst wünscht, das Gehör Beethovens zu haben, um die ganze Dimension dieses klanglichen Ereignisses fassen zu können.

Auch wenn nun der Busfahrer als Übermensch vor uns steht, kleine Schwächen muß man auch ihm zugestehen. So kommt es manchmal vor, daß der Bus zu spät ankommt, trotz aller Anstrengungen des Busfahrers (die oft sogar so weit gehen, daß er sich minutenlang mit seinem entgegenkommenden Kollegen beratschlagt, wie er denn den Zeitrückstand aufholen soll). Der Busfahrer weiß, wie betrübt die Schüler in dieser Situation sind und versucht dieses auf ein Minimum zu reduzieren und, so fern es ihm möglich ist, nur noch dann zuspät zu kommen, wenn Klassenarbeiten oder Klausuren geschrieben werden.

Angesichts solcher Tatsachen ist es verständlich, daß der schwerste Augenblick für den Schülers, das Verlassen des Busses ist. Jeder Schüler versucht so früh wie möglich, aus dem Bus auszusteigen, um den Abschied so kurz wie möglich zu machen. So wendet er sich schnell der Schule zu, das rätselhafte, tiefsinnige Fazit des Busfahrers noch in den Ohren: "Wie die Tiere!"

Wir könnten jetzt natürlich fortfahren mit der Beschreibung dieses edlen und ungewöhnlichen Menschentyps (was gäbe es da nicht alles zu erzählen). Doch es besteht jetzt schon die begründete Gefahr, daß Schüler aus Wiehl aufgrund der obigen Schilderung einen Umzug in eines der umliegenden Dörfer erwägen, um selbst in den Genuß einer täglichen Busfahrt kommen. Da dieses aber nicht Sinn und Zweck dieses Artikels ist, lassen wir es bei diesem kurzen Schlaglicht auf das Wesen des Busfahrers bleiben und verabschieden uns mit einem fröhlichen "Tür auf!"

Veröffentlicht in:

Abi-Zeitung DBG Wiehl

Mai 1996

Entstehungsdatum

März 1996

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